Wanderabenteuer von Tallinn nach Lissabon!

3 Tage in Frankreich

Wenn es eine Zeit gegeben hat, in der wir uns häufig unbehaglich, seltsam und sogar unsicher fühlten, waren es diese drei Tage in Frankreich. Ja, es gab Sonnenschein, und ja, die Umgebung war vielfach sehr schön, aber auf diesem Teil unserer Wanderung machte sich eine andere Realität bemerkbar. Es wurde uns stärker als zuvor klar, dass wir beide sehr viel Glück haben. Wir sind in der Lage, so eine Reise zu machen, wir können jederzeit entscheiden, was wir als nächstes tun wollen, wohin wir gehen und wo wir bleiben wollen.

Doch selbst in den deprimierendsten Momenten sahen wir die Güte der Menschen, ihre Bereitschaft zu helfen und dem anderen nicht zu schaden. Das haben wir aus dieser Zeit mitgenommen und möchten es mit euch teilen.

Tag 217 begann sonnig und fröhlich, mit einem leckeren Frühstück in unserer Unterkunft in De Panne, dem letzten Aufenthalt in Belgien. Um sicher zu gehen, dass wir über die Grenze gelassen würden, luden wir eine echte Französin ein, uns auf den Weg zu schicken. Also gingen Gigi und wir ungefähr 5 km lang auf dem flachen und kompakten Sandstrand, bis wir… nichts sahen. Keinen Stein, kein Wappen, keine Schranke – nur unser GPS zeigte an, dass wir gleich Belgien verlassen würden. Wir schauten etwas genauer und fanden tatsächlich einen alten Grenzstein im Sand versteckt. Gigi markierte schnell die Grenzlinie, um uns in ihrem Land willkommen zu heißen: Wir waren in Frankreich angekommen!

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Da sie am selben Tag abreisen musste, ging sie zurück nach De Panne und wir liefen weiter in Richtung Dunkerque, wo wir die Nacht verbringen würden. .

Nach ein paar Stunden Wandern durch verschlafene Strandorte und einem Naturschutzgebiet in den Dünen sahen wir eine starke Erinnerung an die Geschichte – den hässlichen Teil davon. Eine Reihe von Bunkern, einige hoch oben auf den Dünen, andere nach und nach zum Strand abrutschend, wurden von den deutschen Truppen im zweiten Weltkrieg benutzt, um die eroberten Gebiete gegen die Alliierten zu verteidigen, als Teil des sogenannten Atlantikwalls. Es fiel uns schwer, nicht an all die sinnlose Verschwendung von Menschenleben zu denken, als wir diese Monstrositäten aus Beton anschauten. Eine kleine Erleichterung kam von einer künstlerischen Intervention auf einem der Bunker. Ein anonymer Künstler hat das gesamte Bauwerk mit Spiegeln beklebt – und es dadurch fast verschwinden lassen, während es gleichzeitig mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht.
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Die Stadt Dunkerque. die während des zweiten Weltkriegs stark zerstört wurde, ist nicht der hübscheste Ort zum Durchwandern. Unsere Stimmung sank noch etwas, als wir Dutzende von Gruppen junger Leute bemerkten, die auf dem Weg zum nahegelegenen Supermarkt waren. Nachdem sie vor dem Krieg in ihren Ländern geflohen waren, „lebten“ sie nun in dem improvisierten Flüchtlingslager, in Zelten und unter sehr schlechten sanitären Bedingungen. Wir hatten unser Zelt im September weggeschickt, da wir es bereits zu kalt fanden, um draußen zu schlafen. Jetzt war es Dezember.
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Nach einer erholsamen Nacht und unserem ersten Frühstück mit Crêpes, Baguette und Croissants, gingen wir weiter westwärts die französische Küste entlang. Wir erkundeten die Jahrhunderte alte Festung von Gravelines, bevor wir dem Fluss Aa nach Grand-Port-Philippe folgten. Wir mussten früh genug die richtige Seite des Kanals erwischen, sonst wären wir nach Petit-Port-Philippe gekommen, von wo aus es keine Möglichkeit gab, unser Ziel zu erreichen. Andererseits ermöglichte die Teilung der Ortschaft durch den Kanal ein paar schöne Fotos.

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Am Tag 219 folgten wir einem GR (Grande Randonée, die Fernwanderwege in Frankreich) -Weg durch die Dünen. Wir konnten die Flora und Fauna dieser Region nicht vollständig genießen, denn um uns herum hörten wir ständig Schüsse. Einverstanden, Jäger üben nur ihr Hobby aus und wissen, dass Wanderer durch ihre Jagdgebiete laufen, aber es hinterlässt doch ein mulmiges Gefühl, wenn man an verirrte Geschosse denkt und wenn man an einem Mann mit einer Waffe in der Hand vorbeiläuft.
Auf dem Weg an die Küste stolperten wir fast über Hunderte von … Bananen! Sie waren noch grün, mit dunklen Flecken und hatten den Aufkleber der Marke auf der Schale, einige waren sogar in Folie verpackt. Wie diese Ladung unreifer Früchte ans Ufer gekommen war, blieb uns ein Rätsel, aber wir hatten eine Menge interessanter Theorien. Als wir dachten, dass wir nun am Meer angekommen waren, war es noch ganz weit weg. Die Gezeiten sind in dieser Gegend sehr stark und wir liefen gerade bei Ebbe auf dem Strand, daher trennte uns ein kilometerbreiter Streifen aus feuchtem Meeresgrund vom Wasser. Er wurde als weitläufiges Übungsgebiet für Rennkutschen und Strandsegler genutzt, und wir konnten einige Kurven unseres Weges schneiden.

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Als wir wieder hinter den Dünen waren, folgten wir dem Pfad Richtung Calais.

Es ist schwer zu beschreiben, was in einem vorgeht, wenn man plötzlich durch ein Flüchtlingslager läuft, doch hier sind Moikens erste Gedanken, nachdem wir in der Stadt angekommen waren:

Calais.
Hier sind wir auf unserer Reise bis jetzt „der Flüchtlingskrise“ am nächsten gekommen. Wir haben aber nicht die Krise gesehen, nur Menschen. Ruhig, friedlich, einige lachend, in der Schlange für Schuhe stehend, zähneputzend vor improvisierten Zelten, auf dem Rückweg vom nächsten Supermarkt, 6 km vom Lager entfernt. Wir sind uns richtig blöd vorgekommen mit unseren hochwertigen Wandersachen, auf der Reise durch Europa nicht aus Notwendigkeit sondern aus Spaß, auf dem Weg zum warmen Mittagessen in einem netten Restaurant, zum Bett in einem gemütlichen Zimmer.
Das Leben meint es gut mit uns und hoffentlich bleibt es so, aber das ist nicht die Realität von vielen Menschen.

Wir bezogen unser Hotelzimmer, dann ging Moiken noch einmal raus, um Wäsche zu waschen, damit wir mit sauberer Kleidung in Großbritannien ankommen. Alle Maschinen im SB-Waschsalon waren belegt, und es gab keine freien Sitzplätze. Natürlich, die Flüchtlinge mussten ihre Kleidung ja auch irgendwo waschen, also gehen sie eine Stunde bis zur Stadt, um das zu erledigen. Sobald eine Maschine frei wurde, half mir ein junger Mann, meine Wäsche in die Trommel zu stecken und ließ es nicht zu, dass ich Waschpulver kaufte. „Hier, nimm meins“, und bevor ich etwas sagen konnte, lief die Maschine bereits im gewünschten Waschgang. Während wir alle auf unsere Wäsche warteten, wurde mir Knabberzeug angeboten und ich unterhielt mich mit einer Gruppe von Flüchtlingen. Sie erzählten mir, woher sie kamen und stellten mir dieselbe Frage, woraufhin sie entgegneten: „Ah, Deutschland! Da würde ich sehr gerne leben. Was führt dich nach Calais?“
Ich brachte es nicht über mich, ihnen zu erzählen, dass wir unser Zuhause verlassen und unsere Arbeitsstellen aufgegeben haben, um durch Europa zu laufen, einfach so aus Spaß. Ich vermied es ebenfalls zu erwähnen, dass wir am nächsten Tag die Fähre nach Dover nehmen würden.

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Fasthotel: 51.006415, 2.311317
Univers: 51.003896, 2.105314
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Statistik

km

12 Länder durchquert
319 Wandertage
89 Ruhetage

Aktualisiert am 11.06.2016 – ANGEKOMMEN IN LISSABON!