Wanderabenteuer von Tallinn nach Lissabon!

Die englische Riviera und mehr Kliffe

 

Nachdem wir die Aufregungen und Auf und Abs (im wahrsten Sinne des Wortes) der Jurassic Coast hinter uns gelassen hatten, konnten wir einen einfachen Endspurt bis Plymouth erwarten, richtig? Falsch. Die fünf letzten Wandertage in Großbritannien boten so viele Herausforderungen wie die Wochen davor. Die Fährenlotterie (fährt sie oder nicht)? Gab es. Auf unbefestigten Wegen die Kliffe hinaufsteigen? Gab es. Sonne-Regen-Sturm-Wolken in schneller Abfolge? Gab es. Unglaublich schöne Landschaften mit grünen Wiesen, goldenen Stränden, beeindruckenden Kliffen? Gab es auch.
Wenn ihr jetzt noch schicke Badeorte, Pflanzenreichtum, blühende Blumen (im Januar!) und sogar ein paar Palmen dazunehmt, habt ihr einen Eindruck von der englischen Riviera und ihren Nachbarregionen.

Am Tag 265 unserer Reise verließen wir unser Hotel in Exmouth bereits in dem Wissen, dass wir die Fähre hinüber nach Starcross nicht würden nehmen können, da sie erst wieder ab Ostern eingesetzt wurde. Glücklicherweise gab es einen Zug, der das gesamte Mündungsgebiet des Exe Flusses umfuhr und durch die Stadt Exeter ging. 45 Minuten lang in einem vollgestopften Pendlerzug zu sitzen, war zwar nicht so schön wie fünf Minuten mit der Fähre zum gleichen Ort zu fahren, es war aber sicher besser, als einen zusätzlichen Tag zu wandern. Der Wanderweg war angenehm flach und führte uns die Küste entlang, manchmal zwischen den Bahnlinien zu unserer Rechten und dem stürmischen Meer zu unserer Linken. Kurz vor Dawlish grüßte uns ein Mann auf einem Fahrrad und hielt an, um mit uns zu sprechen. Zsolt, ein passionierter Radfahrer, hatte bereits halb Europa mit dem Fahrrad durchquert und ist zufällig auch an der französischen Küste entlang geradelt, wo wir auch noch wandern würden. Es gab also viel zu besprechen. Um es etwas gemütlicher zu haben, lud er uns zu Tee und Scones in ein nahegelegenes Café ein.
Nach dieser stärkenden Pause und der anregenden Unterhaltung strengten wir uns am Nachmittag noch etwas mehr an und wanderten insgesamt 24 km nach Torquay. Das war teils möglich, weil die Fähre zwischen Teignmouth und Sheldon fuhr, was zusätzliche Kilometer vermied, und weil wir unsere Stirnlampen dabei hatten – es war stockfinster, als wir den Waldabschnitt vor den ersten beleuchteten Straßen von Torquay durchquerten.

Ein weiterer wichtiger Beitrag von Zsolt war, dass er uns erinnerte, uns mal Gedanken über die Fähre zu machen, die wir nach Frankreich nehmen wollten. Gemäß der Beschreibung des englischen Teils des E9 gibt es eine Fähre von Plymouth nach Roscoff in der Bretagne, von wo wir den französischen Teil unserer Wanderung (wieder-) beginnen würden. Bis dahin war uns nicht eingefallen, mal nachzuschauen, ob die Fähre denn auch wirklich fuhr. Dreimal dürft ihr raten, sie fuhr nicht, jedenfalls nicht bis März und so lange konnten wir nicht warten. Es gibt aber immer einen Plan B und unserer war es, mit dem Zug von Plymouth zurück nach Portsmouth zu fahren, von wo aus wir die Fähre nach St. Malo nehmen konnten, und dann mit einem weiteren Zug nach Roscoff zu gelangen.

Am nächsten Tag folgten wir der Küste der englischen englischen Riviera von Torquay über Paignton bis nach Brixham. Diese Region ist bekannt für ihr mildes Klima und lange Sandstrände, was sie zu einem beliebten Reiseziel im Sommer macht. Palmen säumten die Promenade und selbst an jenem bewölkten Januartag war die Temperatur recht angenehm. Nachdem wir den belebteren Teil hinter uns gelassen hatten, erreichten wir eine kleine und unglaublich blaue Lagune, wo wir einen Seehund entdeckten, der sich im Wasser vergnügte. Jetzt mussten wir nur noch einen Hügel hinaufgehen, um zu unserer Unterkunft, einer freundlichen Pension, zu kommen. Zum Abendessen bestellten wir uns Pizza, die so großzügig bemessen war, dass wir genug für das nächste Mittagessen übrig hatten.

Die Strecke nach Dartmouth sah auf den ersten Blick gar nicht so schwer aus, nur 20 km, aber wir waren wieder in einer hügligen Region, in der wir wegen der hohe Kliffe mehrmals am Tag viele Höhenmeter überwinden mussten. Wie immer machte die Aussicht die Anstrengung mehr als wett und die Sonne trug ihren Teil dazu bei. Nach einem besonders schwierigen Aufstieg auf einem rutschigen Pfad setzten wir uns auf eine Bank und aßen zu Mittag. Kalte Pizza hat noch nie so gut geschmeckt! Wir brauchten die Energie auch wirklich, denn der weitere Weg bis Kingswear war kein bisschen einfacher. Bei Einbruch der Dämmerung hatten wir die Fährstation erreicht und gelangten noch hinüber nach Dartmouth, wo wir die Nacht verbrachten.
Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass wir noch eine weitere Nacht in diesem Ort verbringen würden; Moiken fühlte sich beim Aufwachen ziemlich schlecht (könnte das mit den Unmengen an Fish&Chips zusammenhängen, die wir am Abend gegessen hatten?) und wir entschlossen einen Tag zu bleiben, damit sie sich erholen könnte. Wir mussten allerdings die Unterkunft wechseln, doch dank Internet war das nicht allzu schwierig. Während Moiken den Tag im Bett vebrachte, erkundete José den malerischen Hafenort alleine.

Da wir etwas freie Zeit hatten, informierten wir uns über die nächsten Abschnitte unserer Wanderung. Wir folgten immer noch dem South West Coast Path, was sicher stellen sollte, dass alle Hindernisse auf dem Weg, wie Flüsse und Hügel, überwunden werden konnten. Leider galt das für diesen Teil nur in den Sommermonaten. Nach Salcombe, das wir innerhalb von zwei Tagen erreichen sollten, gab es noch vier Flüsse bis Plymouth, von denen nur der Fluss Plym eine Brücke in der Nähe des Weges hatte. Die anderen drei mussten entweder durchwatet werden (aber nur bei Ebbe und in regenarmen Zeiten), oder die Fährdienste wurden im Winter ausgesetzt, was zur Folge hatte, entweder 20 km mehr zu laufen oder ein Taxi ans Ende der Welt zu bestellen. Das machte uns ein wenig Sorgen, denn es bedeutete eine erhebliche Zahl an zusätzlichen Tagen und/oder einige Mehrausgaben für Taxi und Übernachtungen.

Wir verließen Dartmouth am Tag 269, vorbei an alten Festungen und Kanonen, die früher zur Verteidigung dieses natürlichen Hafens dienten. Der Pfad führte uns durch grüne Wälder mit leichten Steigungen und wir kamen aus dem Staunen nicht heraus, wie viele Blumen bereits blühten:

Es ging wieder bergab bis zum Strand und über einen schmalen Landstreifen zwischen dem offenen Meer und einer Lagune errreichten wir Torcross. Wir hatten ein Taxi zu unserer Unterkunft bestellt und beschlossen, in einem warmen Café beim Nachmittagstee zu warten. Unser Plan ging allerdings nicht ganz auf, denn das Café machte zu, bevor das Taxi ankam. Da es aber nicht regnete, konnten wir die letzte halbe Stunde draußen warten.

Der Tag 270 begann mit einem guten Frühstück in der Pension, dann fuhr uns der Wirt mit seinem Auto zurück nach Torcross. Wir hatten eine weitere schöne aber harte Wanderung an und auf den Kliffen, auf einem schmaleren und steinigeren Pfad als wir es bis dahin gewohnt waren. Irgendwann kamen wir an einer Station der nationalen Küstenwache vorbei, wo wir die Gruppe von Volontären trafen, die gerade Dienst hatten und uns mit ihnen über unsere Wanderung unterhielten. Die Nachrichten, die sie uns gaben, waren nicht sehr beruhigend: In den nächsten ein oder zwei Tagen musste man mit starkem Sturm und Regen rechnen und es wurde davon abgeraten, an der Küste zu wandern. Wir konnten uns das gut vorstellen, nachdem wir die Kraft des Sturms beim Aufstieg auf die Kliffe in Lulworth Range gespürt hatten, und nach der Erfahrung mit den schmalen Pfaden in dieser Region, die schon ohne Wind eine Herausforderung darstellten. Die kurzfristige Lösung war, die restliche Wanderung bis nach Salcombe an jenem Tag zu genießen, besonders weil die Wolken sich auflösten und herrlicher Sonnenschein auf die Landschaft strahlte. Und dann…

… trafen wir eine Entscheidung: Wir würden nicht mehr bis Plymouth laufen. Obwohl es weniger als 30 km Luftline entfernt lag, würde die Wanderung dahin mindestens drei Tage dauern und viel logistische Planung für die Überquerung (oder das Umfahren) der Flüsse erfordern. Einen weiteren Tag würden wir „verlieren“, während wir den Sturm abwarteten, denn wir hatten keine Neigung zu riskieren, von den Kliffen geweht zu werden. Danach hätten wir sowieso mit dem Zug zurück nach Portsmouth fahren müssen, dem nahegelegendsten Ort, um die Fähre nach Frankreich zu nehmen.

Wir schauten uns die Fahrpläne für Züge und Fähre an und stellten fest, dass die schnellste Verbindung über Bristol führte, wo unsere Freunde Betty und Christopher lebten! Ganz untypisch für Deutsche luden sie uns kurzfristig zu sich ein und am Tag 271 bestiegen wir zwei Busse, dann die CrossCountry Zuglinie nach Bristol. Wir nutzten unsere Zeit in einer Großstadt gut, indem wir José ein neues Paar Wanderschuhe kauften, mit unseren Freunden einige Pint Bier im Pub tranken und ganz urban Sushi essen gingen.
Betty führte uns am nächsten Tag durch ihre Adoptivstadt, wo folgende Bildergalerie entstand:

Am Tag 273 machten wir noch einmal in der Nähe von London Station, wo Josés Familie uns für einen Tag mit guten Gesprächen und gutem Essen einlud. Seine Onkel und Tante waren so nett, uns am folgenden Tag bis nach Portsmouth zu fahren. Am frühen Abend schifften wir uns auf der Fähre nach St. Malo ein! Da die Fähre unter französischer Flagge fuhr, fühlte es sich schon beim Abendessen so an, als wären wir bereits in Frankreich:

Jetzt mussten wir uns nur noch ins Bett kuscheln und nach einer gut durchschlafenen Nacht wären wir auf der anderen Seite des Kanals. Womit wir nicht gerechnet hatten war, dass dieses massive Schiff, vollbeladen mit hunderten von Passagieren, Lastwagen, Bussen und Autos, auf den starken Wellen wie ein Ruderboot vor- und zurückschwankte. Mindestens für Moiken gab es keine Minute Schlaf und das köstliche Abendessen war reinste Geldverschwendung gewesen.

Doch selbst die unbequemste Überfahrt ist irgendwann zu Ende und wir kamen am nächsten Morgen etwas blass, aber sicher, in Frankreich an.

 

Karte wird geladen - bitte warten...

Post_20160130_englishRivieraAndMoreCliffs: 50.416044, -3.559570

Leave a reply

Statistik

km

12 Länder durchquert
319 Wandertage
89 Ruhetage

Aktualisiert am 11.06.2016 – ANGEKOMMEN IN LISSABON!