Wanderabenteuer von Tallinn nach Lissabon!

Erste Schritte auf dem Jakobsweg

Bis zur Stadt Brest waren wir dicht entlang der bretonischen Küste gewandert. Von dort an folgten wir dem Jakobsweg anstatt des GR34/E9, damit wir Spanien innerhalb von zwei Monaten, und nicht erst in drei oder mehr, erreichen konnten. Der Preis, den wir dafür zahlen mussten, war die Küste zu verlassen, doch wir stellten bald fest, dass die Landschaft im Inneren der Bretagne ebenso eindrucksvoll war. Wir fanden mehr und mehr Gründe, diese Region zu lieben: Die Menschen waren einfach fantastisch; das Wetter veränderte sich ständig, was herrliche Ansichten schaffte; und die kleinen Steindörfer waren zu niedlich. Aber schaut doch selbst:

Wir verließen Brest am Tag 286 und verabschiedeten uns vom E9. Als wir die erste Brücke über den Fluss Élorn überquerten, hätte der E9 uns noch 15 km weiter flussaufwärts geführt, um dann am anderen Ufer zum gleichen Punkt zurückzukehren. Bald nach der Brücke bekamen wir Gesellschaft; Jean-Louis war auf dem Weg nach Plougastel-Daoulas, genau wie wir, also gingen wir ein Stück zusammen. Er erzählte uns, dass er vor einigen Jahren den Jakobsweg begonnen hatte, aber aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste. Wir unterhielten uns viel und er brachte uns einige Ausdrücke auf Bretonisch bei. Unsere Wege trennten sich am reich verzierten Bildstock in Plougastel; Jean-Louis ging zurück, während wir im Ort blieben, zu Abend aßen und auf unsere Gastgeber warteten. Das liebenswürdige Paar, beide passionierte Trail-Läufer, hatten ein gemütliches Zimmer in ihrem Haus, das sie an Besucher vermieteten. Nachdem wir uns in der tollsten Dusche der gesamten Reise frisch gemacht hatten, verbrachten wir noch etwas Zeit mit ihnen und unterhielten uns bei einem Glas Bier.

Die Einheimischen sagen, dass die Bretagne herrliches Wetter hat – mehrmals am Tag. Wir konnten das am Tag 287 bestätigen, als Eis, Regen, Hagel, Sonne und Wolken in schneller Abfolge kamen und gingen. Wir hatten ein unerwartetes Zusammentreffen mit einem Lama; es war unmöglich herauszufinden, was es dort ganz allein machte. Das glückliche Gesicht, das Moiken vor dem Restaurant macht, hängt mit einer wunderbaren Entdeckung zusammen: Formule midi! Zur Mittagszeit bieten die meisten Restaurants ein dreigängiges Menü mit Wein zu einem sehr günstigen Preis an. Stellt euch vor, wie toll es war, ein gutes und reichliches Mttagessen in der Mitte eines Wandertages zu bekommen.


In Le Faou, wo wir übernachteten, konnten wir sehr gut den Einfluss der Gezeiten auf den Fluss beobachten: Als wir ankamen, war das Flussbett fast trocken; am nächsten Morgen trieb das Boot auf dem Wasser.

Am folgenden Tag entfernten wir uns weiter von der Küste und liefen durch ein wunderschönes Naturschutzgebiet bis nach Port-Launay, wo Segelboote gleich neben den auf der Straße parkenden Autos ankerten.


Vergleicht einmal die Position der Boote am Nachmittag, als wir ankamen, mit der Situation am nächsten Morgen, als starker Regen und die steigende Flut den Fluss auf dieselbe Höhe wie die Straße gebracht haben!

So hatten wir einen sehr feuchten Start in den Tag 289, da wir durch das Wasser des über die Ufer getretenen Flusses waten mussten, um Port-Launay zu verlassen. Typisch Bretagne hörte der Regen aber bald wieder auf und machte Platz für blauen Himmel. In Landrévarzec, unserem Tagesziel, hatten wir etwas Zeit zum Bewundern der herrlichen Bauwerke aus Stein, bevor wir zu unserer Unterkunft gingen. Wir hatten noch keine Ahnung, dass der Höhepunkt des Tages noch vor uns lag. Wir fragten das freundliche Ehepaar, das Ferienwohnungen in ihrem jahrhundertealten Familiensitz vermietete, wo wir zu Abend essen könnten. Natürlich waren die nächsten Restaurants 5-10 km entfernt. Aber es gab an dem Tag einen Gemeinschaftsabend mit Crêpes und Volkstanz, ob wir mitkommen wollten? Selbstverständlich wollten wir! Und so verbrachten wir einen unvergesslichen Abend, an dem wir selbstgemachte galettes (salzige Crêpes aus Buchweizen, gefüllt mit Schinken, Käse und Ei) und crêpes mit gesalzenem Caramel aßen, Cidre tranken und sogar ein paar Schritte auf der Tanzfläche wagten.

Während der nächsten zwei Tage genossen wir die herrliche Landschaft und vermissten das Meer kein bisschen. Wir improvisierten ein romantisches Picknick zum Valentinstag am 14. Februar, trafen noch mehr freundliche Menschen, die ganz aus dem Häuschen waren, wenn wir ihnen erzählten, dass wir auf dem Weg nach Santiago waren, und übernachteten zum ersten Mal in einer Pilgerherberge. In einem Dorf mit dem vielsagenden Namen Saint-Jacques (!) de Bannalec führte ein bretonischer Druide und Anarchist zusammen mit seiner Frau die Dorfwirtschaft. Worte können diesen unglaublichen Ort kaum beschreiben, deshalb lassen wir hier besser die Bilder sprechen:

Wir aßen ein gutes Frühstück am nächsten Morgen, zusammen mit dem Druiden und seiner Familie, dann gab Moiken ihr erstes Interview auf Französisch! Eine örtliche Zeitung war an der Geschichte unserer Wanderung interessiert und veröffentlichte einen ganzseitigen Artikel darüber.

Bevor wir diesen besonderen Ort verließen, krochen wir noch durch einen Felsen, was gemäß unserem Gastgeber Glück bringen sollte. Und tatsächlich geschah etwas wundervolles an jenem Tag. Gegen Mittag waren wir in der Nähe eines Privathauses, vor dem der Pfad abgesperrt war. Da es keine Alternative gab, beschlossen wir weiterzugehen, auch wenn wir eine böse Diskussion mit dem Hausbesitzer erwarteten. Als wir ihn sahen, grüßte er uns freundlich und erklärte, dass er die Schafe auf die Weide gebracht hatte und deshalb den Weg absperren musste. Wir begannen ein Gespräch und auf einmal fragte uns Marcel, ob wir schon zu Mittag gegessen hatten. Wir verneinten, also lud er uns in sein Haus zum Essen ein. Und es war ein richtiges Festessen! Wir begannen mit einer Suppe, dann machte er drei verschiedene Gerichte warm, die seine Frau ihm für die nächsten drei Tage vorbereitet hatte, gefolgt von einer Auswahl von köstlichem Käse. Zum Abschluss teilten wir einen leckeren selbstgemachten far breton, einen saftigen Kuchen gefüllt mit Backpflaumen. Wir wollten gar nicht mehr gehen, so gut war Marcels Gesellschaft und das Essen. Aber wir mussten noch Quimperlé erreichen, wo wir einen zusätzlichen Tag verbringen würden, um uns auszuruhen und ein paar Dinge zu organisieren. Neben den üblichen Aktivitäten Wäsche waschen, Einkaufen und Essen gehen, mussten wir auch noch unsere Pilgerausweise für den Jakobsweg beantragen. Wir riefen Mme Marie-Flor von der Association Bretonne des Amis de Saint Jacques de Compostelle an, die unser Anliegen sofort unterstützte.

In den folgenden Tagen sollten wir herausfinden, dass wir die beste Person entdeckt hatten, um uns auf den Weg nach Santiago zu schicken…

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Post_20160219_firstStepsOnTheWayOfStJames: 48.155643, -3.990784

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Statistik

km

12 Länder durchquert
319 Wandertage
89 Ruhetage

Aktualisiert am 11.06.2016 – ANGEKOMMEN IN LISSABON!