Wanderabenteuer von Tallinn nach Lissabon!

Jurassic Coast

 

Immer wenn wir erwähnt hatten, dass wir entlang der Jurassic Coast wandern würden, bekamen wir die gleiche Reaktion: „Oh, es ist ein herrlicher Ort! Aber seeeehr schwierig zu wandern.“ Letzteres wurde meist mit einer Auf-und-ab-Bewegung der Hand unterstrichen, die eine steile Kurve in die Luft zeichnete.
Diese Beschreibung machte uns etwas Angst, doch gleichzeitig waren wir schon sehr gespannt auf diese sagenumwobene Küstenregion, voller Erinnerungsstücke an die letzten 185 Millionen Jahre Erdgeschichte. Es stellte sich heraus, dass die Leute Recht hatten: Es war einer der großartigsten Orte an denen wir waren, doch das Privileg, die atemberaubende Szenerie zu bewundern, hatte einen hohen Preis. Ständige Höhenwechsel und prekäre, oft schlammige und rutschige Pfade verlangten viel von uns ab und verlangsamten unser Tempo ziemlich. Das Wetter war die meiste Zeit hervorragend, was die fantastischen Bilder ermöglichte, die wir euch in diesem Artikel zeigen.

Tag 253 unserer Wanderung war ein schöner und anstrengender Tag. Wir sind immer noch erstaunt, wie viele verschiedene Stimmungen wir auf nur 24 Kilometer Wegstrecke erleben können. Wir starteten in Swanage an einem grauen Morgen und waren schon bald hoch oben auf den Kliffen, von wo aus wir auf das Meer blicken konnten. Die Sonne kam heraus und wir erreichten eine Station der Nationalen Küstenwache, wo freundliche Volontäre uns mittels eines starken Fernglases den Punkt zeigten, zu dem wir unterwegs waren. Er sah so nah aus, dass es uns noch nicht mal etwas ausmachte, eine steile Treppe hinab ins Tal und gleich wieder hinaufzusteigen. Sobald wir oben waren, setzte allerdings der Regen wieder ein, der Pfad wurde richtig rutschig und es lagen noch viele Auf- und Abstiege vor uns. Etwas Erleichterung brachte die Abendsonne, die einen perfekten Regenbogen schuf. Nach ein paar Minuten Verschnaufpause, um das Schauspiel zu genießen, mussten wir weitereilen, denn es wurde bald dunkel und der Weg wurde nicht besser. Dank unserer Stirnlampen kamen wir sicher bei der Pension an, wo wir viel Schlamm von unserer Kleidung waschen mussten. Zwei entspannende Duschgänge später fuhr uns unsere Gastgeberin netterweise zum Abendessen in den nächsten Pub.

Der folgende Tag versprach, ein ganz besonderer zu werden: Nicht nur würden wir ein militärisches Übungsgebiet durchqueren, das nur an wenigen Tagen im Monat geöffnet ist, wir bekamen auch Gesellschaft für dieses Abenteuer. Betty und Christopher haben einen langen Weg von Bristol zurückgelegt, um mit uns einen Tag lang zu wandern und einen weiteren zu relaxen. Der Wanderteil, von Kimmeridge durch Lulworth Range bis Lulworth Cove, war sehr aufregend, wie ihr in der folgenden Fotonovela sehen könnt:

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An einem wunderschönen sonnigen Januartag starteten wir zu unserer Wanderung durch die Lulworth Range.

Es war übrigens das einzige Mal auf unserer Wanderung, dass wir den Aufstieg auf einen Hügel abbrechen mussten (es war der letzte vor unserem Ziel), weil der Wind so stark war. Wir zogen es vor, landeinwärts zu gehen und auf einer langweiligen Straße zu wandern, anstatt vom Kliff geweht zu werden.

Nach einem harten Wandertag gibt es nichts besseres als einen leichten Ruhetag, der so begann:

Dann machten wir einen Spaziergang rund um Lulworth Cove, wo Betty, die Paläontologin der Gruppe, ganz aufgeregt die verschiedenen Gesteinsschichten der Felsen analysierte, während wir Laien die schwarz-weißen Kiesel am Strand bewunderten. Wir verbrachten einen großartigen Tag zusammen, genossen die sonnigen Abschnitte und probierten die örtlichen Pubs und Ciders aus.

Am Morgen des Tages 256 verabschiedeten wir uns von Betty und Christopher. Es lag noch viel von der Jurassic Coast vor uns!
Die erste Attraktion war Durdle Door, eine kuriose Felsformation aus Kalkstein, die jedes Jahr Tausende von Besuchern anzieht. Wir hatten Glück, sie einen Moment lang für uns zu haben. Der Pfad führte uns weiter die Kliffe hinauf und hinab, über schlammigen Untergrund oder durch enge Erdrinnen, die viele Füße vor uns geformt haben. Am Ende des Tages checkten wir in ein Hotel ein, das in den Sommermonaten sicher von Gästen überrannt wurde, im Januar aber nahezu verlassen war. Der Blick von der Terrasse vor unserem Zimmer war surreal: Palmen wiegten sich in der Abendsonne, ein halbmondförmiger Strand bildete den Hintergrund.

Während der nächsten drei Tage durften wir die Jurassic Coast in ihrer ganzen Pracht und Vielseitigkeit erleben. Wir liefen die Strandpromenade von Weymouth entlang und passierten seinen farbenfrohen Fischerhafen, der Erinnerungen an die Niederlande weckte, bewunderten die Aussicht auf die Insel Portland und folgten der Küste hinter Chesil Beach. Dieser langgezogene Strand ist ein natürlicher Schutz von 29km der Jurassic Coast und besteht aus Kieselsteinen in abnehmender Größe. Der Legende nach konnten Schmuggler, die bei völliger Dunkelheit auf dem Strand ankamen, anhand der Größe der Steine erkennen, auf welchem Teil sie gestrandet waren. Um zu unserer Unterkunft zu gelangen, mussten wir wieder landeinwärts gehen. Der South West Coast Path, dem wir folgten, hätte uns nahe um ein militärisches Übungsgebiet geführt. Anders als Lulworth Range waren die Übungen aber an jenem Tag in vollem Gang. Wir sahen die rote Flagge (die anzeigt, dass Schießübungen stattfanden) und hörten die Maschinengewehrsalven und entschieden, eine andere Route zu nehmen, weit weg von den Aktivitäten.
Am folgenden Tag waren wir wieder zurück am Strand. Glücklicherweise gab es einen Weg parallel dazu, so dass wir einen Tag mit flachem Wegprofil genießen konnten, ohne auf losen Steinen zu gehen. Als nur noch ein Kilometer bis zu unserer Herberge fehlte, wurde uns klar, dass wir einen steilen Hügel erklimmen mussten, bevor wir dort ankamen. Unsere Gastgeber machten die Anstrengung mehr als wett, indem sie uns heißen Tee und selbstgebackenen Kuchen in der luftigen Lounge mit Blick auf die Küste servierten. Durch das Panoramafenster konnten wir ein Gewitter beobachten, das freundlicherweise auf unsere Ankunft gewartet hatte, bevor es ausbrach. Auch in dieser Pension waren die Besitzer so nett und fuhren uns zum nächsten Pub, wo wir zu Abend essen konnten. Unser Gastgeber kämpfte noch etwas mit sich, ob er nicht gleich dablieb, um an der wöchentlichen Lottoziehung teilzunehmen und sich ein Glas Bier oder zwei zu gönnen. Schließlich fuhr er aber nach Hause und kam später zurück, um uns abzuholen.
Auf unserem Weg nach Chideock, einer netten Ortschaft, die versteckt hinter den Hügeln lag, trafen wir einen polnischen Spaziergänger auf einem der besonders schlammigen Wegstücke. Er war gut mit Gummistiefeln ausgerüstet und auch seinem Hund machte der Schlamm nichts aus. Wir freuten uns über ein Gespräch mit ihm über unsere Reise und tauschten ein paar Erinnerungen an unsere Zeit in Polen aus. Wir trafen aber nicht nur Spaziergänger an jenem Tag. Golfspieler genossen die Sonne und den Blick von den hohen Kliffen über das Meer und eine Gruppe von mutigen Menschen traute sich sogar ins eiskalte Wasser!

Am Tag 260 folgten wir der Wegbeschreibung unserer Gastgeberin, um auf die Spitze des Golden Cap zu kommen, der höchste Punkt der Südküste von England. Von dort aus ging es immer bergab (im guten Sinn) bis zum charmanten Küstenort Lyme Regis, wo wir den Nachmittag und den Abend verbrachten. Wir erwarteten Zaki, unseren nächsten Mitwanderer, der von Birmingham angefahren kam, mehr als 200km entfernt. Aus logistischen Gründen und für das Vergnügen, ohne unsere Rucksäcke zu wandern, hatten wir eine Unterkunft am Zielort des nächsten Wandertages ausgewählt, in einem Ort mit dem wunderbaren Namen Beer (Bier). Wir übernachteten in einem gemütlichen B&B, wo die Wirtin alles dafür tat, dass wir uns wohlfühlten.
Sie war ein wichtiger Teil unserer Wanderlogistik des nächsten Tages, indem sie uns an einem eiskalten Januarmorgen zurück nach Lyme Regis fuhr. Zum ersten Mal stiegen die Temperaturen nicht über null Grad und die Pfützen hatten eine Eisschicht. Wir vermissten sogar unsere Rucksäcke, die unserem Körper Wärme und Schutz boten. Gleich zu Anfang unserer Wanderung hatten wir eine unliebsame Überraschung: Ein Abschnitt des Weges war wegen eines Erdrutsches gesperrt, was bedeutete, dass wir auf der Straße laufen müssten. Wir beschlossen, es dennoch zu versuchen und erhielten nützlichen Rat von einem freundlichen Herrn, der auf demselben Weg wanderte. Er erklärte uns, wie wir den Erdrutsch umgehen konnten, so dass wir doch den herrlichen grünen Wald genossen (der selbst durch einen Erdrutsch vor ein paar hundert Jahren entstanden war). Am Nachmittag hielten wir zum Aufwärmen in einem kleinen Café an. Die heiße Schokolade war köstlich und sie verzogen keine Miene, als wir uns mit unseren schlammigen Sachen hinsetzten. Schließlich kamen wir nach Beer, wo uns anstatt eines kühlen Blonden ein hübscher Kieselstrand, bunte Fischerboote und ein nettes Fischrestaurant erwarteten.

An den Tagen 262 bis 264 unserer Wanderung mussten wir uns langsam von der wunderschönen Jurassic Coast verabschieden, die offiziell bei Exmouth endet. Dieser Abschnitt war genauso beeindruckend, mit roten Sandsteinkliffen anstatt des weißen Kalksteins, den wir bis dahin gesehen hatten.
Wir entdeckten noch einige schöne Küstenstädte, darunter Sidmouth, wo wir einen zusätzlichen Tag verbrachten. Wir übernachteten in einem Hotel, das sich in einer verschnörkelten viktorianischen Villa befand. Der Preis war überraschend niedrig, so war es kein Wunder, dass das Hotel selbst im Winter nahezu ausgebucht war. Die Gäste, alle weit über die Sechziger hinaus, trugen viel zum Charme des 170 Jahre alten Gebäudes bei.
Die Geoneedle, die verschiedene Gesteinsproben von der Jurassic Coast zeigt, markierte das Ende von diesem Teil unserer Wanderung. Ein kurzes Stück am Strand entfernt wr das Zentrum von Exmouth, von wo aus wir hofften, am nächsten Tag eine Fähre über den Exe Fluss zu nehmen.

 

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YHA Swanage: 50.606065, -1.958055
Kimmeridge Farmhouse: 50.619176, -2.119700
Lolworth Cove Inn: 50.619903, -2.251918
Riviera Hotel: 50.637081, -2.418041
The Lugger Inn: 50.625028, -2.508111
Sea Fret House B&B: 50.684266, -2.657168
Taddle Farm: 50.741266, -2.823423
Ashdale House: 50.698116, -3.093583
Lyme Regis: 50.724308, -2.933277
Sidholme Hotel: 50.685722, -3.239167
Manor Hotel: 50.617522, -3.413771
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Statistik

km

12 Länder durchquert
319 Wandertage
89 Ruhetage

Aktualisiert am 11.06.2016 – ANGEKOMMEN IN LISSABON!