Wanderabenteuer von Tallinn nach Lissabon!

Den Nantes-Brest Kanal entlang

Wir verbrachten zwei weitere wunderbare Wochen in der Bretagne, immer noch weit vom Meer entfernt. Es mangelte allerdings nicht an Wasser. Wir folgten dem Nantes-Brest Kanal  (der von unserer Perspektive aus Brest-Nantes Kanal heißen sollte, aber wir können die geografischen Namen ja nicht ändern, nur weil wir in die andere Richtung laufen) und entlang des Weges gab es zahlreiche Bäche und Flüsse. Auf dem Jakobsweg fühlten wir uns mehr und mehr wohl, besonders nachdem wir Mme Marie-Flor getroffen hatten, die im wahrsten Sinne des Wortes keine Mühen und Wege scheute, um uns die Pilgerpässe zu bringen und uns bei sich zu beherbergen, wo wir viele nützliche Tipps erhielten.

Am Tag 294, gut ausgeruht nach dem zusätzlichen Tag in Quimperlé, machten wir uns auf nach Pont-Scorff. Als wir aus einem Wald kamen und ein Stück auf der Straße liefen, bemerkten wir einen Herrn mit einem Schäferhund auf einem Feld zu unserer Linken. Wir hatten nicht vor anzuhalten, allein schon wegen des Hundes, doch der freundliche Mann rief uns und lud uns ein, eine Pause einzulegen. Wir entdeckten, dass er sich um die Kiwi-(!) Plantage eines Freundes kümmerte. Nicht nur hatten wir ein nettes Gespräch mit Michel, wir aßen auch viele leckere Kiwis und er gab uns noch ein paar auf den Weg mit. Unsere Unterkunft für die Nacht war in einem Caravanpark, wo wir einen kleinen Bungalow mieteten, der überraschend komfortabel war. Als wir gerade eingecheckt hatten, trat eine lebhafte Dame ein: Marie-Flor war vorbei gekommen, um uns unser „crédencial“ zu bringen! Wir hatten keine Zeit ausgemacht, sie kam zufällig genau zu dem Zeitpunkt an, als wir an der Rezeption des Caravanparks waren. Sie erklärte uns, wie man die Pilgerausweise ausfüllte und gab sogar der Rezeptionistin des Parks ein kurzes Training, wie sie zukünftige Pilger registrieren sollte! Wir würden sie ein paar Tage später wiedersehen, als wir durch ihren Ort wanderten.

Mit unseren neuen Pilgerausweisen gingen wir weiter und nach zwei Tagen hatten wir St. Anne d’Auray erreicht, wo die riesige Kathedrale ein beliebtes Pilgerziel war. Wir sammelten bereits Stempel in unseren Ausweisen, aber übernachteten in regulären Unterkünften, da die meisten Pilgerherbergen erst im März oder April öffneten.

Von dort aus folgten wir dem Weg bis nach Vannes am Tag 297 unserer Wanderung. Wir hatten keine Vorstellung von dieser mittelalterlichen Stadt bevor wir ankamen, doch sobald wir durch ihre engen Gassen zwischen Fachwerkhäusern und gothischen Bauwerken gingen, verliebten wir uns in den Ort und beschlossen, einen Ruhetag dort zu verbringen. Daher waren unsere Aktivitäten am Tag 298 Einkaufen (wir entdeckten ein unglaubliches Geschäft, das künstlerische Schokolade und kouign amman Miniaturen verkaufte), Essen gehen, Postkarten schreiben und – bewaffnet mit einer Liste von Familien und Herbergen, die Pilger auf dem Weg nach Santiago aufnehmen – organisierten Übernachtungsmöglichkeiten für die folgenden Tage. Marie-Flors Einladung, eine Nacht bei ihr zu verbringen, war weiterhin gültig, obwohl sie uns in einem Nachbarort abholen musste.

Wir wanderten weiterhin durch Wälder, auf Landstraßen und vorbei an Dörfern, die ganz aus Stein gebaut waren. An dem Tag, als wir bei Marie-Flor übernachten würden, erreichten wir ihren Wohnort, Questemberg, bereits zur Mittagszeit. Wir hatten ausreichend Zeit, die historische Markthalle zu besichtigen, Mittag zu essen und einen Regenschauer abzuwarten, bevor wir an dem Tag weitere zehn Kilometer wanderten. Wie versprochen holte Marie-Flor uns mit ihrem Auto ab und brachte uns zu ihr nach Hause, wo wir uns über ein gemütliches Zimmer, ein herrliches Abendessen mit ihr und ihrem Sohn und viele Geschichten von ihren Wanderungen freuten.

Am folgenden Tag, Nummer 301 unserer Reise, übernachteten wir zum ersten Mal in einer öffentlichen Pilgerherberge, „gîte pélerin“, in Redon. Wir holten den Schlüssel bei der Touristeninformation ab, bekamen die Stempel in den Pass, und richteten uns in unserem Zuhause für diese Nacht ein. Der Raum war eher karg, wie zu erwarten war, aber da wir die einzigen Gäste waren, konnten wir uns nach Belieben ausbreiten. Die große Überraschung kam, als wir die Hintertür öffneten: Auf einmal standen wir im herrlichen Kreuzgang eines Klosters, den wir durchqueren mussten, um zum Badezimmer zu gelangen.

We ließen Redon hinter uns und folgten dem Kanal, was eine angenehme Art zu wandern war. Immer flach, gute Wanderwege und nie einen Zweifel, wie wir gehen sollten. Wir waren entzückt von den  „Pompon Bäumen“, die den Kanal säumten – die Bäume waren noch ganz kahl, so dass die Mistelzweige an den Ästen wie riesige Bommeln aussahen. In St. Gilda du Bois hatten wir ein Zimmer über AirBnB gefunden; Anne-Françoise, unsere Vermieterin, hatte dutzende Katzen und Hunde, von denen einige uns beim köstlichen Abendessen Gesellschaft leisteten.
Von dort aus gingen wir bis zur Ortschaft Blain. Leider funktionierte die Pilgerherberge noch nicht, doch wir sahen sie am nächsten Morgen, als wir einen kleinen Abstecher zum Schloss machten. Das Château de la Groulais war auch nicht wirklich für die Öffentlichkeit zugänglich, aber als wir gerade umkehren wollten, hörten wir Musik und entschlossen, ihr zu folgen. In einem der Türme probte gerade eine Gruppe von Dudelsackspielern!  Nach diesem unerwarteten Konzert gingen wir zurück zum Kanal, um unsere Wanderung fortzusetzen.
Einen Tag später, Nummer 305, übernachteten wir im Haus eines wunderbaren Ehepaars, Anne und Gaby, die Pilger bei sich aufnehmen und uns nicht nur ein Bett und eine warme Dusche boten, sondern auch Kaffee und Kuchen, Abendessen, Frühstück und tolle Gespräche. Als wir am nächsten Morgen weiterzogen und unseren Beitrag für die Übernachtung leisten wollten, entgegneten sie, dass sie unsere Gesellschaft so nett fanden, dass sie kein Geld von uns wollten. Nun, das Gefühl war gegenseitig, und so waren wir sehr inspiriert und motiviert, als wir sie verließen.

Nun war es der 306. Tag unserer Reise und ein weiterer Höhepunkt stand auf dem Programm. Wir würden Nantes erreichen, eine der größten Städte auf dem französischen Teil der Wanderung, und außerdem bei Freunden übernachten, was immer ein tolles Gefühl ist. Jérôme, ein ehemaliger Arbeitskollege von Moiken, seine Frau Isabelle und ihre Kinder taten alles, damit wir uns bei ihnen wie zu Hause fühlten. Wir waren um die Mittagszeit bei ihnen, stellten unsere Rucksäcke ab und aßen mit Jérôme zu Mittag. Unsere Idee war, anschließend bis zum späten Nachmittag weiterzuwandern, doch als wir die Insel von Nantes erreicht hatten, begann es stark zu regnen und wir hatten nicht die richtige Ausrüstung dabei. Glücklicherweise waren wir gerade bei den Machines de l’île, so dass es viel zu sehen gab, bevor wir zu unseren Freunden zurückkehrten.
Der folgende Tag war anders als alle anderen. Moiken erhielt traurige Nachrichten aus Berlin, ihr Stiefvater war gestorben. Wir organisierten sofort einen Besuch, um ein paar Tage mit Moikens Familie zu verbringen. Auf eine Art hatten wir selbst unter diesen unglücklichen Umständen noch Glück. Wir konnten unsere Sachen bei Jérôme lassen und es war einfach, von dieser großen Stadt aus nach Berlin und zurück zu reisen.
Hier sind ein paar Eindrücke von der schönen Stadt Nantes:

Wir hatten einen frühen Flug zurück nach Frankreich am Tag 313 unserer Reise und kamen in der Mitte des Tages in Nantes an. Nachdem wir unser Gepäck am Bahnhof deponiert hatten, wanderten wir gleich wieder los, bis wir in Vertou acht Kilometer zurückgelegt hatten.
Am nächsten Tag konnten wir noch einmal mit unseren leichten Tagesrucksäcken wandern, da unsere Freunde uns eingeladen hatten, zwei weitere Nächte bei ihnen zu verbringen. Dies war auch unser letzter Tag in der Bretagne – wobei das umstritten ist, denn Nantes und Umgebung gehören offiziell schon zur Region Loire-Atlantique. Unterwegs freuten wir uns über ein Stück selbstgemachten far breton, den Isabelle speziell für uns gebacken hatte, und liefen an den ersten Weinbergen vorbei. Natürlich mussten wir das Produkt gleich nach Abschluss der Tagesetappe in Clisson probieren. Wir übernachteten zum letzten Mal in Nantes, bevor wir die Grenze zur nächsten Region, Vendée, überqueren sollten.

Oh, und noch etwas: Endlich kam der Frühling und wir waren überall von Blüten und Knospen umgeben!

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Post_20160310_realPilgrims: 47.570226, -2.241211

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Statistik

km

12 Länder durchquert
319 Wandertage
89 Ruhetage

Aktualisiert am 11.06.2016 – ANGEKOMMEN IN LISSABON!