Wanderabenteuer von Tallinn nach Lissabon!

Auf nach Kap Kolka!

Nach dem Stadtleben von Rīga kehrten wir allmählich zur Ruhe und Friedlichkeit der Küste zurück und genossen die endlosen Strände vor grünen Kiefernwäldern. Während acht Tagen folgten wir der Küste zwischen dem lebhaften Jūrmala und dem ruhigen Kap Kolka, wo der Golf von Riga und die Ostsee aufeinander treffen. Wir konnten die meiste Zeit am Strand laufen und wenn wir doch auf eine Straße ausweichen mussten, war es eine ruhige Nebenstraße. Es war selten, dass wir jemanden während eines Wandertags trafen; kilometerlang wunderschöne Sandstrände nur für uns!

Am Tag 43 waren wir wieder unterwegs, voller Energie von den Ruhetagen in Rīga. Unser Ziel war Jūrmala, was bei vielen Letten ein Stirnrunzeln verursacht: zu schickimicki, zu glitzernd, zu russisch. Andererseits ist es der nächste Strand von Rīga, mit einer sehr guten Zugverbindung und – wie wir selbst erlebten – über einen hervorragenden Fahrradweg erreichbar, also gibt es wohl doch einige Anwohner von Rīga, die dort hinfahren. Wir verließen die Stadt über eine riesige Brücke über den Daugava Fluss und durch friedliche Vororte.


Das Schild am Fahrradweg, dem wir folgten, stimmte uns hoffnungsvoll: „Jūrmala 16 km“. Komisch, unser Navi zeigte eine Entfernung von 23 km bis zum Zentrum von Jūrmala an. Die Erklärung für den Unterschied ist der Strand. Der Ort erstreckt sich entlang eines 26 km langen Strandes und nach der angegebenen Distanz hätten wir erst den östlichen Teil des Stadtbezirks erreicht. Wir wollten aber Richtung Westen gehen und hofften, mehr oder weniger bis zur Mitte des Strandes zu kommen, wo sich die Campingplätze befanden.
Sobald wir die Küste von Jūrmala erreicht hatten, wurden wir von der Strandatmosphäre angesteckt. Es war ein sonniger und warmer Tag und ein langes Stück von wunderbarem weißen und kompakten Sand lag vor uns.
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Also zogen wir Schuhe und Strümpfe aus und setzten unsere Wanderung barfuß auf dem Strand fort (mit einer Erfrischungs- und einer Mittagspause in zwei von den zahlreichen Strandbars). Das war alles ganz gut und schön, aber wir haben an dem Tag eine Lektion gelernt: Für weite Entfernungen (wir sind 6 km am Strand gelaufen), ist barfuß laufen keine gute Idee – unsere Fußsohlen taten am Ende des Tages wahnsinnig weh.

Am nächsten Tag hatten wir noch 12 km auf dem Strand von Jūrmala zu laufen – diesmal mit Schuhen. Der Sand war so weiß und schön und gut zum Gehen (sogar zum Radfahren) wie in der Mitte, doch jetzt sahen wir schon fast keine Menschen mehr. Es war etwas bewölkt, aber noch sehr warm, so dass wir beschlossen, unser erstes Bad in der Ostsee zu nehmen. Es war sehr erfrischend und gab uns neue Energie für den Weg Richtung Norden.
Auf der gesamten Küste bis nach Kap Kolka verteilen sich kleine Fischerdörfer und immer wenn wir auf der Straße liefen, sahen wir Stände, die geräucherten Fisch verkauften. Als wir in der Nähe der Ortschaft waren, wo wir übernachten wollten (seit Rīga buchten wir nicht mehr im Voraus), kauften wir ein schönes Stück Räucherfisch für das Abendessen und folgten dem nächsten Schild, auf dem „Camping“ stand. Der Platz, den wir gefunden hatten, lag direkt am Meer, hatte einen Imbisswagen und war sehr billig. Der Nachteil war, dass es keine Dusche und nur ein ungepflegtes Plumpsklo gab, dafür aber viele fliegende Tierchen. Wir nahmen unser zweites Bad in der Ostsee, um uns abzukühlen, stellten unser Zelt auf und aßen zu Abend. Der Campingplatz war ok, aber warum musste man für einen Ort zahlen, der nicht mehr bot als ein Picknickplatz? Die Antwort kam in der Nacht, als wir gerade am Einschlafen waren: Zwei Gruppen von Russen, die links und rechts von uns campten, begannen einen Wettbewerb ihrer Stereoanlagen, indem sie ihre Lieblingssongs spielten. Die Gruppe, die den Wettbewerb verlor, rächte sich SEHR früh am nächsten Morgen und spielte ihre Liederauswahl noch einmal. So hatten wir doch noch etwas für unser Geld bekommen; so etwas findet man auf einem Picknickplatz nicht!

Verständlicherweise hatten wir am nächsten Tag einen großen Bedarf an Kaffee. Der Imbisswagen hatte aber noch nicht geöffnet als wir aufbrachen und das nächste kafejnīca (Café) erreichten wir erst nach zwei Stunden Wandern. Danach fühlten wir uns etwas besser, doch der Schlafmangel und das feuchtwarme Wetter waren keine große Hilfe, unsere Kräfte wieder herzustellen. Schließlich begann es leicht zu regnen und während wir noch überlegten, ob wir die Regensachen auspacken sollten, verstärkte sich der Regen. Wir zogen den Regenschutz und die Capes über und sobald wir ausgerüstet waren, hörte der Regen auf und die Sonne kam hervor. Wenn es nicht gerade in Strömen regnet, macht es keinen Sinn, mit einem flatternden Regencape herumzulaufen, also hielten wir noch einmal an, um alles wieder in den Rucksäcken zu verstauen.
Unsere Laune war zu diesem Zeitpunkt nicht die beste, deshalb waren wir erleichtert, als wir bald darauf ein Hinweisschild zu einer Pension sahen. Wir gingen hinein und sie hatten gemütliche Zimmer in einem Gebäude mit Duschen und einer Küche zu einem sehr vernünftigen Preis. Darüberhinaus gab es einen veikals (Laden) in der Nähe, so dass wir fürs Abendessen, Frühstück und den nächsten Tag einkaufen konnten.

In der Nacht hatte es ziemlich gestürmt (gut dass wir drinnen geschlafen haben), doch der nächste Tag – Nummer 46 unserer Reise – begann warm und sonnig, ohne die Feuchtigkeit des Vortages. Wir hatten bald wieder unseren Weg zum Strand gefunden, wo wir die meiste Zeit laufen konnten. Um die Mittagszeit bemerkten wir etwas Bewegung auf dem bis dahin einsamen Strand und der Weg führte zu einem Campingplatz. Zu unserer großen Freude gab es da ein öffentliches Restaurant, was bedeutete, dass wir ein warmes Mittagessen und einen Ort zum Ausruhen hatten, bevor es weiter ging.
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Nach der Pause hatten wir genug Kraft gesammelt, um die nächste Stadt, Mērsrags, nach einer Strecke von insgesamt 27 km zu erreichen. Die Stadt hatte einen Jachthafen mit einem sehr schönen und günstigen Gästehaus, wo wir übernachten konnten.

Im Gästehaus gab es zwar kein Frühstück, aber wir hatten eine ednīca (Kantine) im Zentrum von Mērsrags entdeckt, die früh genug öffnete, dass wir vor der Wanderung noch einen Kaffee trinken konnten. Wir traten ein und fragten bei der netten Dame auf Englisch nach „Frühstück“. Sie sagte nichts weiter und drehte sich zu ihrer Küche um. Ein paar Minuten später saßen wir vor zwei Tassen Kaffee (türkische Art; man muss Geduld haben, bis der gemahlene Kaffee sich gesetzt hat) und zwei riesigen Omeletts mit Schinken, Käse und Gemüse = lettisches Frühstück.
Es war ein herrlicher Tag, eine Freude am Meer zu laufen und die sich ständig verändernden Wolken, Wellen und Landschaften zu beobachten. Doch die Anzahl von Kilometern, die wir seit Rīga gelaufen waren, spürten wir in unseren Beinen – wir brauchten einen Ruhetag! Wir nahmen noch einmal alle Kräfte zusammen und gingen ein paar Kilometer weiter, um zur nächsten größeren Ortschaft zu kommen. Wieder einmal hatten wir Glück: Die erste Pension auf unserem Weg stellte sich als richtig gute Wahl heraus. Wir bekamen ein bequemes Zimmer und die Pension, die gewöhnlich größere Gruppen empfängt, hatte eine professionelle Küche, ein gemütliches Wohnzimmer und einen großen Garten, die wir nutzen konnten. Dazu kam noch, dass sie am Tag unserer Ankunft die Sauna eingeheizt hatten und wir sie ohne Aufpreis benutzen durften!

Tag 48 war unser Ruhetag und wir liefen ein bisschen in Kaltene herum. Viel gab es im Ort nicht zu sehen, also gingen wir zu einem kleinen Laden, um uns für einen faulen Tag in der Pension einzudecken. Kann man einen bewölkten Tag auf eine bessere Art verbringen?
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Mit erneuerter Kraft gingen wir weiter auf unserem Weg nach Norden. Wir liefen ein Stück auf der Straße bis zur nächsten Stadt, wo wir zu Mittag essen und unsere Vorräte auffüllen konnten. In dieser Stadt, Roja, haben wir den ersten Wanderer getroffen, seit wir in Tallinn losgegangen sind! Ein junger Australier, der zur Zeit in Schottland lebt, hatte mal eben beschlossen, von Kap Kolka nach Rīga zu laufen. „Wann bist du denn in Kolka losgegangen?“ „Heute früh.“ Wir waren beeindruckt. Er hatte bereits eine Distanz von 33 Kilometern zurückgelegt, und es war erst Mittag! Unser Plan war, Kolka am nächsten Tag zu erreichen.
Unsere Wanderung am Nachmittag war wunderschön, immer am Strand, und es begann erst zu regnen, als wir in Pūrciems ankamen, wo wir die Nacht verbringen wollten. Wir mieteten eine kleine Holzhütte und waren bereits in unseren warmen Schlafsäcken, als wir den Wind und Regen hörten.

Am Tag 50 haben wir Kolka erreicht! Die meiste Zeit war es warm und sonnig, aber das Wandern am Strand hat diesen Nachteil: Wir sehen so viel vom Himmel, dass da bedrohlich graue oder gar keine Wolken sind, je nachdem in welche Richtung wir schauen. Während wir noch den Sonnenschein genießen, berechnen wir schon, wie lang es wohl dauern wird, bis die dunklen Wolken den Regen freigeben.


Es war einer dieser Momente, als wir an einem netten Café auf einem Campingplatz vorbeikamen und uns auf eine Kaffeepause freuten. Als wir die Speisekarte sahen, wollten wir sie gleich in eine Mittagspause umwandeln, doch zu unserer Enttäuschung war die Küche an diesem Tag geschlossen. Während von drinnen verführerische Gerüche kamen (sie bereiteten das Mittagessen für eine Jugendgruppe zu), mussten wir uns mit einer Tasse Kaffee zufrieden geben. Die positive Seite war, dass wir einen bequemen Platz hatten, um den Regen zu beobachten und unsere Wanderung fortsetzen konnten, als es wieder trocken war.
Als der Regen zum zweiten Mal kam, hatten wir nicht so viel Glück – wenigstens hatten wir unsere Regensachen an – aber da näherten wir uns schon Kolka. Genauer gesagt, der Ortschaft Kolka, denn Kap Kolka (Kolkarags) war noch 3 km weiter nördlich. Wir haben uns gleich in dem Hotel einquartiert, wo wir eigentlich nur ein spätes Mittagessen essen wollten, so dass wir die Füße hochlegen und den Regen und die Wolken beobachten konnten.
Später am Abend konnten wir uns doch noch dazu durchringen, das Hotelzimmer zu verlassen und einen Spaziergang zu machen. Das Dorf Kolka hatte außer dem Hotel und zwei Supermärkten nicht viel zu bieten, also gingen wir weiter bis nach Kolkarags. Was für ein Glück! Die Wolken lösten sich langsam auf und wir konnten uns an einem wunderschönen Sonnenuntergang an diesem unglaublichen Ort erfreuen. Der Punkt, wo die Wellen der Ostsee und die der Bucht von Rīga sich treffen, bietet ein besonderes Schauspiel und die Sicht ist so offen und weit, dass man denkt, man stehe am Bug eines Schiffes. Wenn man den ganzen Tag am Kap Kolka verbringen würde, könnte man den Sonnenaufgang in der Bucht von Rīga und den Sonnenuntergang in der Ostsee beobachten.
Genießt die Eindrücke dieses Abends!

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Funky Hostel: 56.952888, 24.124531
Jurmala camping: 56.967648, 23.758833
Ragaciems Camping: 57.027481, 23.494983
Ķesterciems Hostelli: 57.117404, 23.233429
Jahtu Centers: 57.333771, 23.127093
Zivtini: 57.450409, 22.898766
Viesnica Zitari Hotel: 57.738218, 22.581818

2 Responses to Auf nach Kap Kolka!

  1. Liebe Moiken, lieber Jose, Eure Berichte und eure Bilder genieße ich in vollen Zügen. Viele liebe Grüße Angelika

    • Hallo Angelika!
      Das freut uns! Es passiert immer so viel, da ist es gut, wenn wir etwas von unserer Reise festhalten können. Noch besser, wenn andere so mit uns mitreisen! Es kommen noch ein paar schöne Erlebnisse aus Lettland und aus Litauen.
      Liebe Grüße

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Statistik

km

12 Länder durchquert
319 Wandertage
89 Ruhetage

Aktualisiert am 11.06.2016 – ANGEKOMMEN IN LISSABON!